Ein Tag und eine Nacht in fragwürdiger Gesellschaft

Mittwoch, 28.10.2015

Wir sind am Weg von Baracoa nach Santiago. Kurz bevor wir wieder bei Eglis und Nancys Casa in Santiago ankommen erklärt uns unser Fahrer noch was für eine Story wir erzählen sollen wo er uns aufgegabelt hat. Scheinbar möchte er sich irgendeine Provision sparen, denn Eglis scheint ein tüchtiger Mittelmann zwischen Touristen und Taxis zu sein. Das lässt er sich auch bezahlen. Nancy ist entzückt, uns wieder zu sehen. Sie gibt uns einen Schmatzer auf die Wange und führt uns in unser Zimmer. Wir bleiben nicht lange dort, denn wir müssen ja auf Handysuche gehen.

Ein verruchter Handyshop nach dem anderen, aber keiner weiß was von einem schwarzen iPhone 5S. Wir finden allerdings heraus, dass man gestohlene, gesperrte iPhones hier nur als Ersatzteillager kaufen/verkaufen kann. Anstatt also einfach nach einem iPhone 5S zu fragen, sollen wir nach einem iPhone „für Ersatzteile“ fragen. Leider ist es jetzt schon nach 17.00 Uhr und die Geschäfte sperren zu. Wir probieren es morgen noch einmal.

 

Donnerstag, 29.10.2015

Auch heute haben die am Vortag abgeklapperten Geschäfte keine weiteren Informationen bezüglich Flos iPhone bekommen. Dafür ist es erst 11.00 Uhr Vormittag und es sind jede Menge anderer Geschäfte offen. Einer der Handybastler macht uns Hoffnungen, als er uns zu einem Kollegen bringt, der ein iPhone 5S verkauft. Leider ist es aber schon 6 Monate lang in seinem Besitz und dementsprechend nicht das vom Flo.

Schlussendlich bekommen wir eine Telefonnummer von „dem iPhonespezialisten“ der Stadt: Arturro. Er arbeitet nur von zu Hause aus, also rufen wir ihn über Skype am Handy an. Sofort versteht Arturro wovon die Rede ist: „Welcher iCloud-Account?“  „flo.groh@me.com“ „OK, gib mir eine Woche und ruf dann wieder an!“

Das klingt ja schon mal vielversprechender, leider reisen wir heute aus Santiago und übermorgen aus Kuba ab. Diesen Mann hätten wir vor 4 Tagen gebraucht, dann wär sich da vielleicht noch was ausgegangen.
Wir hinterlassen Flos email Adresse, geben noch ein paar Details über die Dellen und Kratzer bekannt und können von nun an nur mehr warten und hoffen.

Nicht, dass man das falsch versteht: wir hatten von vornherein keine großen Hoffnungen, aber wir wollten sicher sein, alles getan zu haben.

Für die Fahrt nach Havanna haben wir bei Eglis ein Taxi für die Nacht bestellt. Schneller und günstiger als der Touristen-Bus. Ein einheimischer Laster wäre zwar noch billiger, aber wir zahlen gerne für das bisschen mehr an Komfort – vor allem bei einer 12-16 Stunden langen Fahrt.

Am Abend kocht Nancy für uns und danach heißt es ab nach Havanna.

Nancy und Lisa
Nancy und Lisa

Das Taxi war für 9.00 Uhr angekündigt, taucht aber erst um 10.00 Uhr auf. Das Auto ist ein sehr neues Mietauto. (Der einzige Weg für Kubaner an ein neues gutes Auto zu kommen) Unser Taxifahrer scheint, wie Eglis ganz gut zu verdienen (zumindest für kubanische Verhältnisse): goldene Uhr am Arm, Goldkette um den Hals, 3 Finger sind mit goldenen Ringen geschmückt und auch die fette Sonnenbrille (in der Nacht!) passt zum Protz-Outfit. Am Beifahrersitz wartet bereits ein Japaner, der ebenfalls mit uns nach Havanna fährt. Da es schon sehr spät ist, und die Fahrt 12 Stunden dauern soll, bietet Flo dem Fahrer an sich mit ihm abzuwechseln. Dieses Angebot wird sofort wie aus der Pistole geschossen abgelehnt: „Nein, nein. – Schnief – Das ist mein Job! Ich komm gerade aus Havanna, das ist mein Job. – Schnief – Ankommen. Weiterfahren. Wenn ich müde bin, halbe Stunde schlafen. – Schnief –“ Das ganze muss man sich auf Spanisch und in einer unglaublichen Sprechgeschwindigkeit vorstellen und es war uns schnell klar warum seine Nase so rinnt und er meint, die Nacht durchhalten zu können. Hui hoffentlich kommen wir heil an. Es geht los. Extremst LAUTE Musik und alle 30 Sekunden Songwechsel.

Er beginnt belanglos mit uns zu tratschen und fragt, ob wir einen Rasierer verkaufen. Anfänglich denkt Flo er meint er (Flo) sollte sich mal wieder rasieren aber dann verstehen wir. Leider können wir ihm nur eine Venus-Rasierklinge für Frauen anbieten. Anschließend fragt er, welches Handy wir da haben. Wir sind misstrauisch, Flo schwindelt ein wenig und macht es schlechter: „iPhone“ – „Welches?“ – „5“ – „Wieviel GB?“ – „16“ – „Funktioniert das hier in Kuba?“ – „Nein, nein und außerdem ist es gesperrt und nichts funktioniert hier in Kuba…“  Um Gottes Willen will er jetzt unser Handy haben?

Sein Handy läutet (und Blinkt dabei wie eine Diskolampe) am laufenden Band. Wir verstehen nur 1/10 von allem: „…Kilometer 4…“ Der Kubaner am anderen Ende der Leitung scheint nicht sofort alles verstanden zu haben (kein Wunder bei dem Sprechtempo) und unser Taxifahrer brüllt ins Telefon: „KILOMETER 4!!!!!“

Wir bemerken, dass die Tempoanzeige am Tacho nicht funktioniert und wundern uns, wie das bei so einem neuen Auto denn möglich ist. Später kommen wir drauf weshalb: der Kilometerstand geht auch nicht weiter und scheinbar gibt es eine maximale Fahrstrecke für Mietautos die so umgangen wird.

Auf der Autobahn angekommen werden wir plötzlich langsamer und er beginnt im Sekundenabstand die Lichthupe zu betätigen. Es ist stockdunkel und außer uns kein Auto weit und breit. Er meint er sucht Amigos. Oh da vorne sind sie: Zwei sehr gut gebaute Kubaner werden von den Autolichtern beleuchtet. Einer von beiden oben ohne. Sie kommen auf uns zu. „Schnell Lisa sperr deine Türe zu“. Währenddessen kramt Lisa in ihrem kleinen Rucksack und sucht mal zur Sicherheit ihr Taschenmesser. – Man weiß ja nie. Unsere Angst war Gott sei Dank unbegründet und es werden „nur“ einige Geldscheine übergeben. Es geht weiter. Wieder einige Telefonate: Flo versteht nur Bruchstücke: „… 450…500…200…..al Banco…. AL BANCO!!!!Rätselt er um wieviel er unser iPhone verkaufen kann? Wie üblich in Kuba müssen wir bei einer Polizeikontrolle stehen bleiben. Bevor er aussteigt erklärt er uns noch, dass wir seine Freunde sind und nichts für diese Fahrt zahlen! Wir beschließen nur abwechselnd im 1-Stunden-Radl zu schlafen. Immer wieder blickt er nach hinten. Will er schauen ob wir schlafen? Irgendwann bleiben wir wieder mitten auf der Autobahn stehen und weitere Geldscheine wechseln ihren Besitzer.
Es folgt eine weitere Polizeikontrolle: Wir werden auf die Seite gewinkt und unser Fahrer blinkt brav nach rechts und wird etwas langsamer, aber nicht wirklich. Sobald wir beim Polizeiauto vorbei sind gibt unser Fahrer anstatt rechts ran zu fahren VOLLGAS! Ok jetzt wirds echt komisch. Irgendwann biegen wir in kleine Gassen ein und parken vor einem Haus. Nach einem kurzen Huper kommt ein Mann aus dem Haus und wir tanken mit Schlauch und Kanister. Ein kleines Päckchen wird ebenfalls ins Handschuhfach gelegt. Es ist etwa 02.00 Nachts und er meint er wird sich jetzt hier im Haus seiner Mutter etwas ausruhen. Er sperrt das Auto zu und lässt den Schlüssel bei uns und meint wir sollen ruhig schlafen und wenn er klopft ihm wieder aufsperren. Ab da haben wir ihm vertraut und beide geschlafen, wir hätten genauso auch wegfahren können eigentlich. Später sperren wir ihm auf und fahren weiter. Einmal noch bleiben wir schon bei Tageslicht wo stehen und Tanken erneut mit Schlauch und Kanister. Der Japaner steigt hier ebenfalls aus und möchte ein paar Fotos von der Gasse und unserem Auto schießen: „Nein, nein, nein! Keine Fotos!“ sagt unser Fahrer laut.

Auf der Autobahn kurz vor Havanna werden wir gebeten zu zahlen. Er öffnet sein Lenkrad und dort wo eigentlich der Airbag sein sollte werden unsere Geldscheine versteckt.  Um 10.40 Uhr kommen wir sicher in Havanna bei unserer Casa an! Wir öffnen den Kofferraum um unsere Rucksäcke zu bekommen: Er ist voll mit Bananen!! Wann sind die da rein gekommen???  Da fällt uns ein, dass auch schon unser Fahrer aus Baracoa irgendwo einen Sack Bananen abgeholt hat. Wir scheinen wohl im Kreis der Bananenmafia gelandet zu sein.

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